Offener Kreuzgang

Erst das Schweigen tut das Ohr auf
für den inneren Klang der Dinge.
(Romano Guardini)

In alten Kreuzgängen bekommt man eine Ahnung für das, was sie sein wollen: Abbild des Paradiesgartens; Ort der Erinnerung an unseren Ursprung und unsere Bestimmung. Im stillen und gleichmäßigen Abschreiten des Raumes fügt sich der Meditierende in den Rhythmus des Heiligen – mit den Schritten der Füße und den Gedanken des Herzens. Das ganze klösterliche Leben ist um diesen Raum als Mitte herumgebaut: Refektorium (Speisesaal), Kapitelsaal, Studienräume und Zugang zu den Zellen. Für die Wohltäter des Klosters wurde der Kreuzgang auch zur letzten Ruhestätte. Das ganze Leben, Zeit und Ewigkeit, ist zusammengebunden in einem ewigen Jetzt! Jeder Weg des Klosterbruders geht durch dieses Bild der Vollendung, um das Feuer in ihm neu zu entfachen und das Herz wieder in eine rechte Ordnung zu bringen.

Der Kreuzgang des Wiener Dominikanerklosters ist der einzig vollständig erhaltene Wiens. Die Restaurierungen Ende der 90er-Jahre ergaben, dass Teile schon vor der Ankunft der Dominikaner, also bereits im 12. Jahrhundert, gebaut wurden und damit zu den ältesten Zeugnisse gotischer Baukunst in Wien gehören. Die beeindruckenden Fresken stammen aus dem 13.–15. Jahrhundert.

Der Raum ist ein Zeugnis des klösterlichen und spirituellen Lebens im Herzen Wiens: In seiner Schlichtheit atmet der Raum spirituelle Weite. Man spürt nicht nur den Geist der Geschichte sondern erlebt einen Raum des Friedens und der Gegenwart des Ewigen. In der Stille des Ortes, an dem seit Jahrhunderte meditiert wird, wird man gleichsam hineingenommen – in den Atem Gottes. Die  „Schola cordis. Schule christlicher Spiritualität“ gibt Gelegenheit, diesen Raum auf verschiedenen Weise zu erfahren: in Vorträgen und Konzerten, als Raum der Stille zur persönlichen Meditation.

Wenn es nur einmal so ganz stille wäre,
wenn das Zufällige und Ungefähre verstummte
und das nachbarliche Lachen,
wenn das Geräusch, das meine Sinnen machen,
mich nicht so sehr verhinderte am Wachen.
Dann könnte ich in einem tausendfachen Gedanken
bis an deinen Rand dich denken
und dich besitzen (nur ein Lächeln lang),
um dich an alles Leben zu verschenken
wie ein Dank.
(Rainer Maria Rilke)